Auf dem Rand

Seine Freundin A ist seit einem halben Jahr in New York. Irgendwie muss er ihr erklären, dass er mit P einen Kurzurlaub plant. Für P schwärmt er seit zwei Jahren - die Liebe zu A scheint endlich. Eine idealisierte, phantastische Beziehung steht einer komplizierten, destruktiven gegenüber. Letztere ist Realität. Kurz vorm Scheitern. Die Hoffnungen des Protagonisten liegen auf dem Urlaub. Doch er versagt. Die Erkenntnis, dass P unerreichbar bleibt, zerstört ihn. Traum und Wirklichkeit überlagern sich, reißen ihn in eine gefährliche Spirale aus Gedankenlosigkeit und Selbstzerstörung - bis er den richtigen Umgang mit sich und den Enttäuschungen des Erwachsenwerdens findet und sich wieder auf sich selbst besinnen kann.
Ein Mann, zwei Lieben - Eine empathische Erzählung über die Erwartungen an die Liebe und ihre objektiven Widersprüche.

Leseprobe

Ich lege auf. Ich weiß nicht mehr, ob sie diejenige war, die ein letztes Tschüss in den Hörer flüsterte oder ich. Benommen sitze ich am Schreibtisch. Eigentlich könnte ich fröhlicher gestimmt sein. Eigentlich. Ich werde sie endlich wiedertreffen - in weniger als zwei Wochen. Wäre da nicht noch die Sache mit A. Ich zünde mir eine Zigarette an und paffe den Rauch ins Zimmer. Ich rauche nicht häufig in geschlossenen Räumen, da tränen mir die Augen. Aber bei besonderen Anlässen tue ich es, sozusagen um den Augenblick in vollen Zügen auszukosten. Ist dies ein besonderer Anlass? Heute bleiben die Augen trocken. Ich lege die Füße auf den Schreibtisch, ziehe an der Zigarette. Die Zigarette schmeckt nicht nach Sieg. Nein, irgendwie ist es nicht richtig - die Füße auf der Tischplatte, dafür ist es noch zu früh. Was A wohl gerade macht? Ich könnte sie noch anrufen in New York. Es ist dort gerade erst früher Abend. Morgen werde ich es tun. Ich bin müde.
Im Bett wird mir klar, was ich getan habe. Was ich getan habe, klingt so verboten. Ich habe nichts Verbotenes getan. Es ist legal. Moralisch gesehen. Meine Moral, wann habe ich sie abgelegt? Ich schätze, es begann vor zwei Jahren. Doch das weiß ich eigentlich noch nicht. Ich spüre es lediglich, wie ich im Bett liege und mich wälze, es ist warm, aber ich drücke die Decke fest an meinen Körper. Seit sechs Monaten habe ich A nicht mehr in den Armen gehalten. Sechs Monate. Dabei wollte sie doch nur fünf Wochen in New York bleiben. Ich bin nicht traurig, ich brauche nur Zuneigung. Vor zwei Monaten habe ich ein anderes Mädchen geküsst. Ich weiß nicht mehr, wie alt sie war. Ich glaube, sie erzählte etwas von neunzehn. So ein Kuss hat doch etwas wärmendes. Nur leider nicht dort, wo dröhnende Musik aus übergroßen Lautsprechern wummert, die Füße am Boden kleben und man sich selber in die eigene Bierlache stützt, die man eben noch verschüttet hat, nicht ganz unfroh, keinen Schluck mehr tätigen zu müssen. A habe ich immer gerne geküsst. Sie hat wuchtige und hastige Lippen, wie es sich für eine Latina gehört. Mein Gott, wie oft haben wir uns die Zähne aneinander gehauen. Hat sie gut geküsst? Man vergisst den Vergleich. Irgendwann wird der Kuss eins. Die Lippen sitzen am selben Ort, die Zunge tastet sich forsch in den Mund des anderen, man dreht seine Runde. Dann ist alles vorbei und irgendwann beginnt es von vorne. Ich möchte wissen, wie P küsst. Hoffentlich erfahre ich es in zwei Wochen, wenn wir zusammen in den Urlaub fahren. Ich denke wieder an meine Moral. Das schlechte Gewissen habe ich längst abgelegt. Ich frage mich nur, wie es weitergeht, wenn ich A erzähle, mit P in den Urlaub zu fahren - für eine Woche.
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