Der Lebensschreiber

Alles gab es nach Maß: Schuhe, Kleider, Brillen, Möbel, ganze Häuser. Alles konnte nach Wunsch angefertigt werden, gleichwie es der Kunde mochte. Aber Geschichten?

Enno ist schon immer ein Sonderling gewesen. Doch er hat eine einzigartige Begabung: Er schreibt Geschichten, die das Handeln des Lesers lenken. Diese Fähigkeit setzt er erfolgreich für seine Klienten ein - er ist Schöpfer ihrer Gedanken, ihres Schicksals. Eines Tages lernt er Lea kennen, die seinen Rat sucht. Aller Widerstände zum Trotz ist es von nun an Ennos Ziel, seine eigene Geschichte auf untrennbare Weise mit ihrer zu verknüpfen. Um sein höchstes Glück zu erreichen, zieht er alle Register - doch er geht zu weit. Und zerbricht an der Realität.

Eine feinsinnige Erzählung über Liebe und die Macht der Fantasie.

Leseprobe

Es gibt Dinge im Leben, die sich ohne Zutun entscheiden: Entweder passiert es ... oder es passiert nicht. Schicksal. Selbst ich kann mich dem Schicksal nicht verschließen. Vieles in meinem Leben verdanke ich ihm. Es ist passiert. Mit oder ohne mein Zutun, das spielt keine Rolle. Glaube ich an Schicksal, so glaube ich an Fügung. Glaube ich an Fügung, so dürfte ich nicht an mich glauben, an meine Kraft, meine Macht, mein unschuldiges Behagen dem Leben gegenüber. Ich schreibe dieses Buch, weil ich noch eine Woche Zeit habe. Zu leben, so wie es war. Nein, falsch: Mein Leben weiterhin zu leben, wie es war, kann nicht mehr gelingen. Ich bereue nichts, alles hatte seine Richtigkeit. Meine wenigen Sachen sind gepackt, die Arbeit habe ich eingestellt, ich warte auf ein Zeichen. Ein Zeichen der Fügung, Zeichen des Aufbruchs zu einem neuen Dasein voller Anstand. Ein Zeichen von ihr. War ich nicht anständig? Man möge meine Geschichte nicht glauben. Vielleicht ist das besser. Meine Arbeit gilt als herausragend. Zu schade, dass ich sie eingestellt habe; sie war einmalig. Aber es musste sein. Ich hoffe, sie wird keine Nachahmer finden.
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